10 Fragen an Maarten Verbunt über Geopolitik, Knappheit und den zunehmenden Druck auf den Glasfasermarkt
Lesezeit: min.Maarten Verbunt ist Managing Director und Gründer von Maunt und seit über 25 Jahren in der Glasfaserwelt aktiv. Durch seine tägliche Zusammenarbeit mit internationalen Herstellern und groß angelegten Projekten hat er ein scharfes Bild von den Entwicklungen im Markt und den Auswirkungen geopolitischer Veränderungen auf Verfügbarkeit, Preise und Strategien.
Frage 1: Maarten, kannst du uns mitnehmen, was aktuell rund um die stark steigende Nachfrage nach Glasfaser passiert?
Absolut. Was wir derzeit sehen, ist ein beispielloser Anstieg der Nachfrage nach Glasfaser. Dieser wird vor allem durch den Aufstieg von KI und Hyperscale-Rechenzentren in den USA von Unternehmen wie Microsoft und AWS (Amazon) getrieben. Diese bauen derzeit in enormem Maßstab neue Infrastruktur auf, die deutlich mehr Glasfaser benötigt als traditionelle Rechenzentren. Während klassische Rechenzentren selbstverständlich auch Glasfaser nutzen, sehen wir, dass KI-getriebene Umgebungen 10 bis 30 Mal mehr Glasfaser benötigen. Das liegt vor allem an der internen Konnektivität, also zwischen Racks, Clustern und Gebäuden. Die Folge ist, dass Hersteller ihre Produktionskapazitäten kaum noch nachkommen. In manchen Fällen sind die Bestände für die kommenden Jahre bereits weitgehend vergeben.
Frage 2: Ist diese Knappheit ausschließlich auf die Nachfrage aus Rechenzentren zurückzuführen, oder spielen weitere Faktoren eine Rolle?
Nein, definitiv nicht. Diese Nachfrage ist ein wichtiger Treiber, aber es spielt viel mehr eine Rolle. Glasfaser ist inzwischen auch ein strategischer Bestandteil geopolitischer Konflikte geworden. Im Krieg in der Ukraine sowie im Nahen Osten wird Glasfaser zunehmend für militärische Anwendungen eingesetzt, beispielsweise zur Steuerung von Drohnen. Dadurch verlagert sich ein Teil der Produktionskapazität in verteidigungsbezogene Anwendungen. Das erhöht den Druck auf den kommerziellen Markt. Zudem stehen Lieferketten aufgrund geopolitischer Spannungen unter Druck. Transportwege sind weniger stabil, Routen werden gemieden und Lieferzeiten verlängern sich.
Frage 3: Du hast den Nahen Osten bereits erwähnt. Welche konkreten Auswirkungen hat die aktuelle Unruhe dort auf euren Markt?
Diese Auswirkungen sind zweifach. Einerseits sehen wir Störungen in Logistik und Transport, etwa durch weniger zugängliche oder teurere Routen aufgrund erhöhter Risiken. Andererseits gibt es auch indirekte Effekte über Energiepreise. Spannungen im Nahen Osten führen zu steigenden Ölpreisen. Öl ist ein wichtiger Rohstoff für Kunststoffe wie Polyethylen (PE), das beispielsweise in Rohren, Schutzrohren und Kabelmänteln verwendet wird. Das bedeutet, dass nicht nur Glasfaser selbst teurer und knapper wird, sondern auch die gesamte Infrastruktur drumherum. Die Projektkosten steigen also über die gesamte Breite hinweg.
Frage 4: Was bedeutet das konkret für Kunden und Projekte?
Für Kunden bedeutet das vor allem längere Lieferzeiten, höhere Preise und weniger Planbarkeit. Projekte, die früher relativ genau geplant werden konnten, sind nun mit Unsicherheiten in der Materialverfügbarkeit konfrontiert. Zudem sehen wir regionale Unterschiede. Europa ist beispielsweise stark von Importen abhängig und daher anfälliger für Preissteigerungen und Engpässe. Für Unternehmen wie Maunt bedeutet das, dass man proaktiver planen, besser prognostizieren und enger mit Kunden und Herstellern zusammenarbeiten muss, um Kapazitäten zu sichern.
Frage 5: Erwartest du, dass diese Situation vorübergehend ist oder dieses das „neue Normal“ darstellt?
Das ist derzeit schwer zu sagen. Die Nachfrage nach Glasfaser wächst strukturell weiter, nicht nur durch Rechenzentren, sondern auch durch Digitalisierung, 5G, Smart Cities und industrielle Anwendungen. Gleichzeitig ist Geopolitik ein dauerhafter Faktor in Lieferketten geworden. Das bedeutet, dass Knappheit, Preisvolatilität und strategische Abhängigkeiten weiterhin eine große Rolle spielen werden.
Frage 6: Was ist dein wichtigster Rat an Unternehmen, die von Glasfaserinfrastruktur abhängig sind?
Mein wichtigster Rat ist: von reaktivem zu strategischem Einkauf übergehen. Warten Sie nicht, bis Materialien benötigt werden, sondern planen Sie voraus. Sorgen Sie für starke Partnerschaften mit Lieferanten, arbeiten Sie mit langfristiger Planung und gehen Sie auch Verpflichtungen ein, um Kapazitäten zu sichern. Zudem ist es wichtig, Flexibilität in Projekte einzubauen. Denn eines ist sicher: Der Markt wird in den kommenden Jahren nicht stabiler, sondern eher komplexer.
Frage 7: Kannst du etwas mehr zur Preisstruktur von Glasfaser selbst sagen? Warum steigen die Preise derzeit so stark?
Viele wissen nicht, dass „reine“ Glasfaser historisch gesehen ein relativ günstiger Bestandteil war. Die gängigste Faser lag jahrelang etwa zwischen 3 und 5 Dollar pro Faserkilometer. Derzeit sehen wir jedoch, dass dieser Preis deutlich steigt und sich zunehmend in Richtung 10 bis 15 Dollar pro Faserkilometer bewegt (oder sogar darüber hinaus). Das mag noch immer niedrig erscheinen, hat aber enorme Auswirkungen, insbesondere bei Kabeln mit hoher Faseranzahl. Bei einem Kabel mit 96 Fasern multipliziert sich die Preissteigerung jeder einzelnen Faser direkt in den Gesamtkosten. Dadurch sind die Meterpreise erheblich gestiegen, teilweise um 25 bis 50 %. Ein wichtiger Faktor ist der Rohstoff Germanium, der im Produktionsprozess verwendet wird, um die Lichtleitung zu verbessern. Dadurch steigen die Kosten für Preforms, was sich direkt in höheren Preisen für Glasfaserkabel niederschlägt.
Frage 8: Was bedeuten diese Entwicklungen konkret für Märkte wie die Niederlande, Belgien und Deutschland?
Neben steigenden Preisen werden insbesondere Verfügbarkeit und Lieferzeiten große Auswirkungen haben. Das beeinflusst direkt die Realisierung von Glasfasernetzen. In Rechenzentren ist das Verhältnis zwischen Material und Installation relativ ausgewogen, bei unterirdischer Infrastruktur jedoch nicht. Dort macht Glasfaser oft etwa 10 bis 15 % der Gesamtkosten pro Meter aus. Aber auch wenn es ein kleiner Anteil ist: Wenn sie fehlt, kann kein Netzwerk gebaut werden. Verfügbarkeit wird daher zum kritischen Faktor.
Frage 9: Was sollten Unternehmen konkret tun, um sich darauf vorzubereiten und ihre Projekte abzusichern?
Unternehmen müssen deutlich vorausschauender planen. Analysieren Sie Lieferzeiten, Preise und Projektpipelines. Treten Sie aktiv in den Dialog mit Lieferanten und erwägen Sie den Aufbau von Puffern, um Ihre Lieferkette stabil zu halten. Da Preise voraussichtlich weiter steigen werden, gilt: Was heute teuer erscheint, kann in einigen Monaten noch teurer sein. Zudem wird der Transport aus Asien immer komplexer. Spannungen im Nahen Osten führen zu gestörten Routen, Umwegen für Schiffe und steigenden Treibstoffkosten. Das führt zu höheren Logistikkosten und längeren Lieferzeiten. Kurz gesagt: Denken Sie strategisch voraus und fokussieren Sie sich auf mittel- und langfristige Planung.
Frage 10: Wenn du auf die nächsten 3 bis 5 Jahre blickst, wie wird sich der Glasfasermarkt deiner Meinung nach entwickeln?
Ich glaube, dass Hersteller bereits auf die aktuelle Situation reagieren. Gespräche mit mehr als zehn führenden Glasfaserherstellern weltweit zeigen, dass einige ihre Produktionskapazitäten erweitern. Derzeit besteht weltweit ein Defizit von etwa 100 bis 150 Millionen Faserkilometern gegenüber der Nachfrage. Dieses wird schrittweise reduziert, was jedoch Zeit braucht. Sobald zusätzliche Kapazitäten verfügbar sind, könnten sich die Preise stabilisieren oder sogar sinken. Auch die Nachfrage könnte langfristig etwas zurückgehen, wenn große Hyperscale-Rechenzentren ihre Bauphasen abschließen. Geopolitik bleibt jedoch ein entscheidender Faktor. Anwendungen wie Drohnen verbrauchen derzeit etwa 10 % der weltweiten Glasfaserkapazität. Sollte die Nachfrage dort sinken, hätte dies direkte Auswirkungen auf den Markt. Dennoch ist kurzfristig keine schnelle Lösung in Sicht. Angesichts der Dauer bestehender Konflikte und der Zeit, die für den Ausbau von Produktionskapazitäten erforderlich ist, erwarte ich auch in diesem und im nächsten Jahr weiterhin deutliche Auswirkungen. Mein Gefühl sagt, dass der Druck auf dem Markt vorerst bestehen bleibt.
Johannes ist für den Aufbau der deutschen Niederlassung verantwortlich. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Telekommunikationsbranche bringt er fundiertes Fachwissen und ein starkes Netzwerk mit.
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